Emissions Impossible—Für gute Landwirtschaft braucht man ein gutes Klima

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Es überrascht mich zutiefst, dass es heute in unserer Gesellschaft immer noch Menschen gibt, die einen Klimawandel verursacht durch menschliche Einflüsse leugnen. Vermutlich haben diese Menschen nicht viel mit Landwirtschaft am Hut, denn in unserer westlichen Welt sind es nun einmal Bäuerinnen und Bauern, die den Klimawandel als Erste zu Spüren bekommen. Nicht erst seit diesem Jahr, wo die Dürre ein großes Medienecho hervorruft und zu Hilfszahlungen führt, sondern bereits die ganzen letzten Jahre, in denen sich die regionalen Frühjahrstrockenheiten ausgeweitet haben zu anhaltenden Frühsommer-  und Sommertrockenheiten, und nun bis hin zu einer Dürre. Mindererträge und Futtermangel sind die Folge. Darüber hinaus führen auch Starkregenereignisse und Hochwasser immer häufiger zu Ernteausfällen.

Mehr als jeder andere Wirtschaftszweig ist das Anbauen von Lebensmitteln und das Halten von Nutztieren abhängig von einem guten Klima. Beim letzten Klimagipfel in Paris wurde vereinbart, den globalen Temperaturanstieg auf unter 1,5°C  einzugrenzen.Doch die halbherzigen Bemühungen der Regierungen, die verabredeten Klimaziele einzuhalten, drohen zu scheitern. Für die Landwirtschaft bedeutet dies in vielen Regionen eine zunehmende Verschlechterung der Produktionsbedingungen. Als Verursacher des Klimawandels müssten allen voran die Energie-Konzerne in die Pflicht genommen werden, die mit fossilen Brennstoffen den Planeten aufheizen, ohne bisher für die Folgekosten aufkommen zu müssen.

Im nun veröffentlichten Bericht von GRAIN und IATP wird auch die industriell produzierende Landwirtschaft als vorgelagerter Bereich der Ernährungsindustrie als Klimasünder in den Fokus gerückt. Es ist erschreckend zu lesen, welchen massiven Beitrag die größten Fleisch- und Molkereikonzerne der Welt schon jetzt leisten und wie wenig sie dagegen tun. Der Großteil ihrer Emissionen entsteht in der vorgelagerten Wertschöpfungskette – sprich bei den Tierhaltenden und Futtermittelproduzierenden. Damit stecken die Fleischkonzerne in einer Zwickmühle: Wirksame Klimaschutzmaßnahmen sind nur mit weniger Tieren zu erreichen. Weniger Tiere an den Schlachthaken wiederum lässt sich nicht mit Konzernwachstum vereinbaren. Also setzen Großunternehmen ihr politisches Gewicht ein, um wirksame Klimaschutz-Maßnahmen zu verhindern und ihre Produktion weiter steigern zu können.

Bei genauerer Betrachtung gibt es jedoch gewaltige Unterschiede, wie stark Landwirtschaft zum Klimawandel beiträgt und wie gut sie sich an den Klimawandel anpassen kann. Oft gibt es dabei auch Überschneidungen derjenigen Bewirtschaftungsarten, die wenig Treibhausgase emittieren und sich gleichzeitig gut an extreme Wetterbedingungen anpassen könnten. Dies sind zum Beispiel Betriebe mit vielfältigen und extensiven Fruchtfolgen sowie geringen externen Inputs. Bei der Milchviehhaltung sieht es dagegen anders aus. Gerade die Betriebe, die ihre Kühe klimaschonend auf der Weide halten und vorwiegend mit Grünfutter füttern, können bei extremer Trockenheit besonders stark betroffen sein.

Während man also bei der Landwirtschaft von einer Täter- und zugleich Opfer-Rolle in Bezug auf den Klimawandel sprechen kann, ist es bei den Konsumentinnen und Konsumenten etwas schwieriger. Der Bericht zeigt allerdings sehr schön auf, dass man auch durch seine Ernährungsweise zum Klimasünder werden kann. Der übertriebene Konsum von Fleisch und Milchprodukten führt nicht nur zur Erderwärmung, sondern ist auch ungesund. Dies trifft insbesondere für industriell produzierte (tierische) Lebensmittel zu.

Wir brauchen einen vorbeugenden Klimaschutz, der den Erhalt unserer natürlichen Ressourcen sichert! Dabei müssen auch die Fleisch – und Milchgiganten von den entsprechenden Regierungen in die Pflicht genommen werden, ihre Entwicklungsstrategien an die Herausforderungen des Klimawandels anzupassen, anstatt diese zu ignorieren.

Auch wir Bäuerinnen und Bauern wollen, z.B. durch Humusaufbau, Energieeinsparungen und die nachhaltige Erzeugung von regenerativen Energien, den Ausstoß von Treibhausgasen vermindern und unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das ungenutzte Potential einer CO2-einlagernden Bodenbewirtschaftung ist gewaltig. Als Anreiz und Ausgleich wirtschaftlicher Nachteile braucht es dafür allerdings bessere ökonomische und politische Rahmenbedingungen, die den Ressourcenschutz unterstützen und fördern!

Die kürzlich von der deutschen Bundesregierung beschlossenen Hilfszahlungen für landwirtschaftliche Betriebe, die von der Dürre betroffen sind, können die existenzbedrohenden Einkommenseinbußen nur ansatzweise abmildern. Die Verantwortung liegt auch bei den Molkereien, Schlachthöfen, dem Getreidehandel und Lebensmitteleinzelhandel. Über faire Preise könnte die aktuelle Krisensituation kurzfristig entschärft werden. Erzeugerpreise von 32 Cent für den Liter Milch oder 1,47 Euro für das Kilo Schweinefleisch sind verantwortungslos, weil nicht kostendeckend für die Erzeuger.

Der Klimawandel ist kein losgelöstes Umweltphänomen, sondern steht, wie zuletzt in dem Bericht von GRAIN und IATP gezeigt wurde, in einen kausalen Zusammenhang mit den Klimasündern der Ernährungsindustrie. Zwei der 35 weltgrößten Milch- und Fleischkonzerne, das Deutsche Milchkontor (DMK) und der Fleischriese Tönnies, haben ihre Hauptniederlassung in Deutschland.

Warum sollten sich nicht auch die Klimasünder der Ernährungsindustrie an der Finanzierung der Hilfszahlungen beteiligt werden? Bei Einführung einer Umlage prozentual zu den CO2 Emissionen im letzten Jahr für alle Unternehmen ab einem Jahresumsatz von 10 Mio. würden neben den Öl- und Kohlekonzernen oder Automobilherstellern dann auch DMK, Tönnies und Co. zur Kasse gebeten.

Wir Bäuerinnen und Bauern brauchen den Klimaschutz und deshalb auch Ernährungssysteme und Ernährungspolitiken, die das Klima konsequent schonen und schützen. Echter Klimaschutz, also eine Abkehr von industrieller Massenproduktion von Fleisch und Milchprodukten, muss auch bei der aktuellen Diskussion um die europäische Agrarreform einfließen. Dem stehen vor allem die Profit-Interessen der Konzerne entgegen. Der Bericht von GRAIN und IATP ist eine hervorragende Quelle, dies aufzuzeigen. Denn die verantwortlichen Konzerne immer wieder öffentlich zu benennen ist - neben dem klimafreundlichen Wirtschaften und dem Einsatz für Ernährungssouveränität - eine wichtige Aufgabe der bäuerlichen Bewegung und ein wichtiger Schritt für ein besseres Klima!

Laden Sie die deutsche Version des Berichts herunter.

Laden Sie den Bericht in Englisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch, hier.

Sehen Sie sich das Emissions Impossible Webinar hier an.


Von Henrik Maaß

Von Henrik Maaß, Mitglied der (jungen) Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft ((j)AbL)und Koordination Nyeleni.de-Bewegung für Ernährungssouveränität, aufgewachsen und ausgebildet in ökologischer Landwirtschaft.Er hat gemeinsam mit Kaya Thomas (jAbL) den Bericht "Emmissions Impossible" aus dem Englischen übersetzt. Mehr Informationen über die junge AbL finden Sie hier. Vielen Dank auch an Reinhild Benning von Germanwatch für das Redigieren der Übersetzung.